Back to the roots: Schamanismus pur. Die Begrifflichkeit des Außergewöhnlichen. Diesmal: Warum sprechen wir beim Nagual-Schamanismus eigentlich dauernd von authentischem europäischen Schamanismus? War da denn nicht gerade noch ein Jaguar dabei? Teil 2

Der Schamanismus in Europa war seit dem 17. Jahrhundert wohl praktisch ausgestorben. Es fehlten ihm einfach die Schamanen. Die waren wahrscheinlich vor allem aufgrund kirchlicher Verfolgung und Ausrottung einfach ganz abhanden gekommen.

Doch die Spirits, die mit dem schamanischen Wissen verbunden sind, waren – und sind – selbstverständlich immer noch lebendig.

Deshalb findet die Renaissance des europäischen Tiefenschamanismus jetzt nicht einfach als Fortsetzung schon vorhandener traditioneller europäischer Wege statt.

Ich war, wie am Ende des ersten Teil dieses Blogs ja schon beschrieben, gerade rechtzeitig auf der schamanisch-sufistischen Almhütte erschienen, um der Absicht der Spirits dienen zu können.

Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits entschieden, mein Leben dem Weg der Kraft zu widmen. Sicher weiß ich das über dreißig Jahre später jetzt aber nicht mehr so genau. Vielleicht kam die Widmung ja auch erst später, also nach der Initiation in den Nagual-Schamanismus, auf. Die Erinnerung verzerrt sich leider, weil das Gehirn lieber eine stimmige Geschichte fabriziert als die genauen Fakten im richtigen Ablauf wiederzugeben. Aber ungefähr war es nun einmal schon genau so. Ich war bereit, mein Leben dem Spirit zu widmen. Die Spirits brauchten ein passendes und williges Opfer für ihre schon in der Warteschleife lauernde Aufgabe.

Was konnte also uns, den Naturgeistern und mir, noch Besseres passieren?

Alles war sozusagen schon ganz perfekt eingerichtet.

Nun ja, nicht ganz. Einerseits war ich noch ziemlich unwillig, mich an die Aufforderungen der Naturgeister zu halten, die mir des Öfteren einfach unrealistisch oder überzogen erschienen.

Zum anderen hatten die Spirits noch viel zu wenig Gelegenheit gehabt, mich und meine angeblich so willige Entschlossenheit auch einmal auf die Probe zu stellen. Aber es war trotzdem vor allem eine reine Frage der Zeit. Und Zeit haben Geister allzumal genug.

Natürlich hatte ich noch gar keine Ahnung, dass sich bestimmte Kräfte jetzt anschickten, mich gleichzeitig in eine tiefe alte Tradition des Schamanismus einzuführen und mich dabei auch ebenso tief mit der alpinen Umgebung, aus denen der Schamanismus hierzulande unter anderem seine Kraft schöpfen kann, intensiv zu verbinden.

Das Traditionelle braucht der Schamanismus, um in die Tiefe seiner Magie vorzudringen, um als magisches Orientierungssystem funktionieren zu können, um seine ekstatischen Flügel aufzufalten, also den Elementen der Ekstase, die ihn ebenfalls zentral ausmachen, auch den richtigen Raum geben zu können.

Die Kraft der Tradition kann nun, wie es ja auch immer wieder der Fall ist, durch Anleihen aus indigenen Kulturen außerhalb Europas wieder hierher zurück gebracht werden. Jemand lernt Tiefenschamanismus bei einem oder mehreren Lehrern, überträgt sein Wissen auf die lokalen Zusammenhänge und Gegebenheiten des europäischen Kontinents, und entwickelt so seinen eigenen schamanischen Ansatz, der zwar von den indigenen Wissensquellen geprägt aber eben nicht dominiert wird.

Kann sich der europäische Schüler in diesem Fall nicht vom Wissen seiner indigenen Lehrer lösen, indem er es in einen neuen Kontext stellt, so bleibt der Schamanismus, den er verkörpert, ein Fremdkörper im europäischen Umfeld.

Tatsächlich haben die meisten der paar wenigen Tiefenschamanen in Europa genau diesen Weg der Eingliederung ihres indigenen Wissensschatzes in die europäische Umwelt und Gesellschaft vollzogen.

Die Kraft der Tradition steckt aber auch im Wissen und in der Unterstützung der Wildnis und ihrer Geister.

Selten aber doch geschieht es offenbar, dass die Spirits sich ihren zukünftigen Schamanen direkt erwählen, indem sie ihm einen Zugang zu altem und davor brachliegendem Wissen gewähren, und ihm beim zugegebenermaßen sehr schwierigen Unterfangen, dieses Wissen Stück für Stück wieder zu beleben und in den europäischen Kontext zu integrieren, hilfreich und unterstützend zur Seite stehen.

Das hat vor allem auch den Vorteil, dass der zukünftige von ihnen erwählte Schamane diese Wahl der Geister zumeist auch gut überlebt.

Lesen Sie weiter über unseren ungewöhnlichen aber im Kern eben doch ganz europäischen Schamanismus im 3. Teil des Blogs.

Dies ist keinesfalls dasselbe Foto, das Sie gerade weiter oben erblickt haben.