Back to the roots: Schamanismus pur. Die Begrifflichkeit des Außergewöhnlichen. Nagual, Ekstase, Magie, Spirit – Die Begegnung mit der Kraft. 2. Aspekt: Schamanische Tiefe und Oberfläche. 1. Teil.

Wenn wir hier über die Begegnung mit der Kraft schreiben, geht es also vor allem auch um etwas, das unserer Gesellschaft so gar nicht vertraut ist.

Das Fehlen einer in der Gesellschaft verankerten Kultur des spirituellen Erlebens führt einerseits zu einer wahllosen Suche nach dem Spirituellen, wie sie wohl dem Esoterikboom zugrunde liegen mag, andererseits zu allen möglichen psychosomatischen und sinnhaften Krisen des heutigen Menschen.

Wir sind als gesellschaftliche Teilhaber einer nur ans technisch machbare glaubenden Kultur unserer Möglichkeiten zur spirituellen Selbstfindung weitgehend beraubt.

Zusätzlich haben sich Institutionen wie Kirchen und Glaubensgemeinschaften jahrhundertelang bemüht, jegliche spirituelle Offenbarung, Vision und jegliches Erleben spiritueller Kraft als Domäne ihrer Priester zu definieren, in welcher der einfache Gläubige nur äußerst beschränkt, nämlich an Dogmen glaubend, aber keinesfalls wissend oder das Spirituelle als lebendige Kraft in sich selbst erfahrend, teilnehmen kann.

Die wirkliche Sehnsucht nach dem Spirituellen bleibt dabei fast immer auf der Strecke.

Es ist jene Sehnsucht nach dem Wahren und Spürbaren, nach wirklichem Kontakt und tiefer Innerlichkeit, also genau jene Art von Sehnsucht, welche unsere Seele im Wesentlichen antreibt.

Diese Gesellschaft, in der wir leben, leidet an den Defiziten eines Trance- und Ekstaseentzugs, am Fehlen des direkten Erlebens von Kraft und Spirit, an den fehlenden Möglichkeiten, sich selbst als spirituell handelnde, erfahrende und wissende Person zu spüren.

Wenn sich aber eine Gesellschaft wie die unsere in kleinen Zirkeln wieder einer altehrwürdigen aber in Europa nahezu ausgerotteten Beschäftigung wie dem Schamanismus zuwendet, dann tut sie es offenbar häufig mit derselben dem westlichen Menschen leider oft innewohnenden Ahnungslosigkeit, Oberflächlichkeit und selbstgerechten Überheblichkeit, die unserer Kultur ihren ganz speziellen Anstrich der Ignoranz des Wesentlichen verleiht.

Eigentlich kann es gar keinen Tiefenschamanismus geben, obwohl ich mich dazu angeregt sah, diesen Begriff zu erfinden.

Denn Schamanismus ist an sich eine tiefgehende, den ganzen Menschen zutiefst um- und erfassende Beschäftigung mit der Kraft und dem Numinosen, mit dem spirituellen geheimnisvollen Urgrund der Welt.

Beachten Sie auch die schwebende Deva über der Schamanin…

Aber wir Europäer und Amerikaner können eben auch anders.

Hierzulande ist Schamanismus schon weitgehend auf ein paar Techniken und ein gewisses Gebaren schamanisch Praktizierender reduziert worden.

Dabei treten naturgemäß diejenigen Elemente des Schamanismus in den Vordergrund, welche leicht zugänglich und technisch erlernbar und erfassbar sind.

Das Nagual, also das Unfassbare, verschwindet wieder in den Ritzen der Welt.

Wirkliche schamanische Kraft ist dann häufig kein Kriterium für schamanisches Praktizieren. Die Kraft steht mit einem Mal nicht mehr im Zentrum des Schamanismus, sondern kann scheinbar einfach durch schamanische Techniken ersetzt werden. Der Unterschied zwischen beiden Herangehensweisen wird aber ebenfalls nicht mehr erkannt oder sogar energisch abgestritten.

So werden eben auch schamanisch Praktizierende nicht von Schamanen unterschieden. Wir mit dem Schamanismus Beschäftigten tun ja scheinbar ohnehin Alle dasselbe.

Die Bedeutung von Einweihung und Kraftübertragung sowie tiefer spiritueller und persönlicher Hingabe verschwindet hinter einem Vorhang oberflächlicheren Wissenserwerbs.

Das alles führt zu einem schamanischen Egotrip. Ich bin auch schon Schamane, ruft der Eine und der Andere entgegnet: Ich natürlich auch, ja wenn es weiter nichts ist.

Schamanische Lehrzeiten, die aufgrund ihres intensiven Einweihungscharakters weltweit allgemein nicht unter etwa sieben Jahren zu durchlaufen waren – hier sprechen wir von der ersten Einweihung zum Schamanen, das Erlangen einer vollständigen schamanischen Vision im Sinne einer Meisterschaft dauert noch viel länger – werden in Europa auf zwei- bis dreijährige Kurse reduziert. An dieser Stelle bin ich versucht zu sagen: geschrumpft. Denn dieser Schrumpfungsprozess verschleiert die wahre Kraft und Tiefe des Schamanismus.

Klarerweise können Einzelne auch auf dem Weg des technisch erlernbaren Schamanismus schließlich durch Erweiterungen ihrer Wahrnehmung und tiefe Erlebnisse zu Schamanen im eigentlichen Sinne werden. Doch dies geschieht nur selten, ganz im Unterschied zu der absolut verbreiteten Selbstbeschreibung, schon Schamane zu sein.

Fast jeder kennt einen Schamanen irgendwo in der Nähe.

Fast alle dieser Menschen praktizieren zwar löblicher Weise Schamanismus, sind in meinen Augen aber vom Dasein eingeweihter Schamanen ein gutes Stück entfernt.

Werden diese schamanisch Praktizierenden mit ihrem Etikettenschwindel konfrontiert, reagieren sie häufig mit Aggression und Abwehr.

Natürlich ist es nicht angenehm, sich selbst eingestehen zu müssen, dass man am eigenen Weg noch nicht ganz dort angekommen ist, wo man sich gern befinden würde. Genauer gesagt, ist das für Menschen nicht angenehm, die ihrem Ego einen so bedeutenden Platz einräumen wollen, dass ein in Frage Stellen ihrer schamanischen Kompetenz für sie eine große narzisstische Kränkung bedeutet.

Sie können vielleicht verstehen, dass bei diesem Thema bei mir als schamanischem Lehrer, der in mindestens siebenjährigen intensiven Einweihungsprozessen SchülerInnen zu SchamanInnen heranreifen sieht und diese SchamanInnen danach häufig noch viele Jahre bis zu schamanischer Meisterschaft begleiten darf, bisweilen ein gewisses Kopfschütteln über die oberflächliche Vereinnahmung des Schamanismus durch den Geist unserer Kultur aufkommt.

Nach zweiunddreißig Jahren intensiver Auseinandersetzung mit Schamanismus und zwanzigjähriger Ausbildungstätigkeit als schamanischer Lehrer sehe ich den Schamanismus in Europa von einem Schleier der Verdummung umhüllt, wenn Sie mir diesen Ausdruck an dieser Stelle erlauben wollen. Tatsächlich müsste Jedermann und –frau klar sein, dass auch hier auf unserem Kontinent dieselben uralten Ausbildungsprozesse und Einweihungsschritte eben ihre stimmige Zeit brauchen, selbst wenn sie wie bei uns in moderner und den heutigen Menschen ansprechender Form gelehrt werden.

Nur durch ein Herunterschrauben des Begriffes Schamanen auf den schamanischen Techniker, den Praktizierenden, lässt sich die erforderliche Zeit für den Erwerb umfassenden schamanischen Wissens scheinbar auf einen Bruchteil des ursprünglich dafür nötigen reduzieren. Das ist in etwa so als würde man die Ausbildung für Ärzte um achtzig Prozent verkürzen mit der Begründung, jeder, der sich eine Zeitlang intensiv mit Medizin beschäftigte, wäre doch wohl eine Art von Arzt.

Verlassen wir diesen ersten Aspekt von Oberfläche und Tiefe wieder.

Die eigentliche Welt des Schamanen liegt zum guten Teil ohnehin außerhalb der gesellschaftlichen Realitäten, auch wenn er dazu berufen sein mag, seine besondere Wirklichkeitserfahrung und Spiritualität als wichtige Ergänzung zu den sogenannten normalen gesellschaftlichen Sichtweisen einzubringen.

Wenden wir uns im nächsten Teil dieses Blogs direkt der Magie zu.