Back to the roots: Schamanismus pur. Die Begrifflichkeit des Außergewöhnlichen. Nagual, Ekstase, Magie, Spirit – Die Begegnung mit der Kraft. 5. Aspekt: Traum und Unendlichkeit. 2. Teil

Der Träumende erschafft Welten, die sich aus dem Unfassbaren herausschälen. Diese Beschreibung ist zweckmäßig aber naturgemäß eigentlich ganz falsch.

Denn im Traum kommt dem Unfassbaren als solchem nur eine untergeordnete Bedeutung zu, und außerdem kennt der Traum keine bestimmten Welten oder Grenzen des Erschaffens, in ihm findet sozusagen jede Realität irgendwo potentiell gleichzeitig statt, als bestimmter oder auch ganz vager Traum eben, welcher sich irgendwo träumen lässt.

Der Traum enthält verschiedene Arten von Traumwesen, welche nicht alle von vornherein für den vielleicht noch ungeübten Träumer ganz ungefährlich sein mögen.

Manche dieser Traumwesen, speziell jene, welche sich in einem Segment des Traumes befinden, welches ich in Anlehnung an die Bücher von Jeff Noon unter dem Namen Vurt zusammenfasse, sehen sich selbst als die eigentlichen Herren des Traumes an und betrachten uns, die Träumer, nur als Nebenfiguren, welche den Traum zwar träumen, ihn aber nicht zu regieren vermögen.

Der Name Vurt bezeichnet in den Büchern von Jeff Noon mehr oder weniger dasselbe. Insoweit wohnt diesen Büchern, obwohl sie in Romanform vorliegen, ein durchaus stimmiges Verständnis des Traumes inne.

Sie beschreiben zwar nicht den Traum beziehungsweise das Traumgeschehen als ganzes, dafür aber bestimmte Facetten desselben recht genau.

Wenn Sie im Traum dem Bereich des Vurts begegnen, nimmt Ihr Traum einen charakteristischen und sehr selbstbestimmten Charakter an, wobei die Selbstbestimmung nicht die Ihre ist, sondern aus dem Traum als solchem kommt.

In jedem Fall aber wird im Traum jegliche Möglichkeit von Realität umfasst und kann in Form eines Traumes auftreten.

Natürlich ist auch der Traum an die Grenzen des Universums gebunden, in dem er sich gerade träumen lässt. Nur die Welten des kosmischen Tantra sprengen bisweilen die Grenzen der Magie unserer Welt, weil sie auf parallel vorhandene magisch erfüllte Universen hinweisen, welche für uns als potentiell kosmische Magier, vorsichtig gesagt, zumindest teilweise erreichbar sind.

Doch innerhalb dieser universellen Grenzen ist der Traum unbegrenzt und fließt aus der reinen Traumbewegung in einem fort in die Schaffung neuer Traumwelten hinüber, welche im Kern wiederum diese ursprüngliche Traumbewegung enthalten.

Vom Bereich des Vurts abgesehen, kann der Traum auch auf andere Art Selbständigkeit gewinnen, und zwar dann nämlich, wenn er so stark wird, dass unser Eindringen in den Traum die Realität verschlingt, aus der wir gerade noch gekommen sind. Der Traum wird dann nahezu vollständig zu unserer neuen Realität, und die Farbe des Traumes legt sich über unser Bewusstsein. Wenn Sie fortgeschrittener Schamane sind, merken Sie das daran, dass es Ihnen plötzlich schwer fällt, zu entscheiden, ob Sie sich noch im Traum befinden oder ihn bereits wieder verlassen haben. In diesem Fall empfiehlt es sich, den Traum in gewissem Grad zu relativieren oder zu symbolisieren, um ihm dann durch eine Hintertür der Realität wieder zu entkommen. Dabei kann es aufgrund des irreversiblen Charakters von Magie im Allgemeinen und aufgrund der Unbeständigkeit und Beweglichkeit des Traumes im Besonderen leicht dazu kommen, dass Sie zwar in Ihre Realität zurückkehren können, diese aber nicht genau wieder erreichen. Sie befinden sich dann in einer minimal veränderten Variante Ihrer bisherigen Welt. Das ist nicht weiter schlimm, all Ihre Freunde und Bekannten sind noch vorhanden und Sie können sich mühelos in einer praktisch kaum veränderten Realität wieder zurechtfinden. Allerdings gibt es ein oder zwei geringfügige Merkmale, die auf eine Verschiebung der Realität, also einen minimalen Dimensionssprung im Zuge Ihres Träumens, hinweisen. Mit solchen kleineren Veränderungen gilt es als Magier zu leben.

Natürlich könnten Sie auch, wenn Sie sich zu weit über den Rand der Absicht des Traumes hinausbeugen, in dieser Absicht eingefangen werden und sich als Opfer gewisser Traumverbündeter wiederfinden. Solche Geschehnisse können Sie bereits bei Carlos Castañeda nachlesen.

Manchmal finden sich im Traum einzelne Gestalten wieder, die offenbar im Träumen verloren gegangene Wesen sind. Diese lassen sich zwar magisch befreien, haben aber oft ihre ursprüngliche Gestalt und Identität schon weitgehend vergessen und sind mehr oder weniger Teil von Träumen geworden.

Durch klares absichtsloses Träumen lassen sich solche Schicksale im Allgemeinen gut vermeiden.

Gerade deshalb ist es, wenn Sie sich in die wilden Gefilde des Traumes begeben wollen, etwa aus jenem Grund, damit die wahre Natur magischen Träumens und die Beschaffenheit unserer zauberhaften Realität tiefer zu begreifen, durchaus empfehlenswert, dies eher in der erfahrenen Begleitung von Schamanen bewerkstelligen zu wollen.

In gewisser Weise gleicht der Traum der Vision des dunklen und geheimnisvollen Kontinents, welche sich früher mit der Entdeckung Afrikas verbunden hatte. Weiße Flecken auf der Landkarte unseres Seins als magische Wesen in einem seiner Natur nach immerzu nahezu unbekannten Universum.