Der Schamane zur Lage der Nation Nummer 22

Falls innerhalb eines gewissen Zeitraums, beispielsweise und höchstens in der Spanne eines Jahres, tatsächlich die Marsmenschen kommen, eine hässliche Invasion der Erde stattfindet, in deren Verlauf alles Leben auf diesem Planeten zur Gänze ausgelöscht und die Atmosphäre endgültig ins Weltall hinausgeblasen werden sollte, dann und nur dann…..

….. läuft momentan hier herunten bei uns politisch alles bestens.

Die wahrscheinliche Zunahme der Umweltzerstörung in Brasilien, welche gleichzeitig mit der Abschaffung der Menschenrechte, dem Austritt aus der UNO und der Inhaftierung politisch Andersdenkender einhergehen wird, ist dann jedenfalls nur von kurzer Dauer. Selbst die Vorliebe des neuen brasilianischen Staatsoberhaupts für Folter und Militärdiktatur wird wohl schnell vorübergehen.

Die Verleugnung des von uns Menschen erzeugten Klimawandels durch den amerikanischen Präsidenten, die Ermordung von Dissidenten in Botschaften ihres Heimatlandes, die traurige Tatsache, dass derzeit weltweit Menschen in Demokratien ganz freiwillig die Totengräber ihrer eigenen Freiheit und ihrer Bürgerrechte an die Macht wählen, das völlige Unverständnis der menschlichen Gemeinschaft für das Wesentliche und Bedeutende unserer eigenen Existenz auf diesem Planeten, nein,….

….all das kann uns nicht mehr wirklich erschüttern. Denn das Ende ist nah, und zumindest werden wir als Spezies gemeinsam und in einem einzigen monumentalen Augenblick der Vergänglichkeit gleichsam heroisch zu Grunde gehen.

Allerdings hat mir Tante Clara leider glaubhaft versichert, dass die Marsianer momentan keine aggressive Expansionspolitik in Richtung Erde betrieben, und dass darüber hinaus auf dem gesamten Planeten Mars eine gewisse Aufbruchsstimmung herrschte, weil sich unsere kosmischen Nachbarn vom Mars gerade mit der Idee ihrer Übersiedlung in ein mehr oder weniger benachbartes Sonnensystem anfreunden würden, wohl auch, um damit der von Tante Clara über das gesamte solare System verhängten dauerhaften kosmischen Quarantäne zu entgehen. Schließlich war diese Quarantäne ja nie wegen der an und für sich recht friedliebenden und weitgehend gemeinschaftlich denkenden Marsbevölkerung ausgerufen worden, sondern wurde vielmehr, wie Sie ja inzwischen recht genau wissen, sofern Sie meine Blogs emsig und aufmerksam durchgelesen haben sollten, einzig und allein zum Zwecke der Isolierung der rechtsextrem verseuchten Erde eingeführt.

Wenn sich die Marsianer aber aus dem Sonnensystem zurückziehen sollten, bevor sie dazu bereit und Willens wären, uns hier auf der Erde gänzlich zu vernichten, könnten wir von der erleichternden Sinnlosigkeit jeglichen menschlichen Tuns nicht weiter profitieren. Wir müssten uns also tatsächlich wieder mit den harten, unmenschlichen und verblendeten Persönlichkeiten auseinandersetzen, die derzeit unserem zumindest noch blassblauem Planeten zuzusetzen trachten.

Es fällt mir wirklich schwer, meinen Trost in Hinkunft nicht mehr in der unvermeidlichen Tatsache unseres gänzlich unverschuldeten Untergangs durch einen plötzlichen, heimtückischen und total destruktiven Angriff der marsianischen Kriegsflotte zu finden.

Nein, wir müssen uns selbst wieder in den Spiegel des Grauens erblicken, auf dessen Rand groß und deutlich eine Inschrift auf Homo sapiens exstinguens, den zerstörerischen oder vernichtenden denkenden Menschen, hinweist.

Oh, Tante Clara! Wie konntest Du mir das nur antun? Sicherlich hast Du die Marsbewohner dazu überredet, sich still und klammheimlich aus dem Staub zu machen, anstatt uns, die Verursacher ihrer Misere, einfach mit Hilfe ihrer überlegenen Technik und getragen von ihrer völligen Missachtung aller auf Sauerstoffbasis funktionierenden Lebensformen, zur Rechenschaft zu ziehen und uns so immerhin einen würdigen und plötzlichen Abgang als zwar unwesentliche aber immerhin heroisch wirkende Absolventen unserer eigenen Evolutionsgeschichte zu gewähren.

Oder hättest Du wenigstens eine ziemlich lange und sicherlich nanotechnisch verstärkte Leiter aus einem in großer Höhe über unserem Planeten kreisenden unsichtbaren Raumschiff direkt zu mir heruntergelassen. Ich wäre jetzt wohl sofort zu Dir hinaufgeklettert, selbstverständlich mit meiner gesamten Familie, den Haustieren und dem Großteil meiner selbstgepflanzten Bäume und Sträucher, um mich der politischen Verwüstung durch das Zunehmen unmenschlicher rechtsradikaler Tendenzen auf diesem Planeten endgültig zu entziehen.

Sicherlich wäre in einem halbwegs für interstellare oder gar intergalaktische Entfernungen ausgerüsteten Raumschiff doch auch genügend Platz für meinen Hausrat und meine Trainingsgeräte gewesen. Ein bisschen Training braucht der Mensch natürlich schon, um auf langen kosmischen Reisen fit zu bleiben. Meinen siebzig Quadratmeter großen Altarraum mit den vielen schamanischen Gegenständen und Fetischen hätte ich ja ebenfalls nicht wirklich mit gutem Gewissen hier zurücklassen können. Aber alles in allem wäre der Aufwand für Deinen Lieblingsneffen doch wohl sehr überschaubar gewesen, nicht wahr? Aber Du hast Dich schon wieder anscheinend zu etwas Anderem entschlossen.

Wie die Dinge hier herunten also derzeit liegen, muss ich mich wohl weiterhin mit dem Üblen auseinandersetzen, das sich die Menschheit selbst zusammenbraut. Dabei ist es ja meiner Meinung nach durchaus verständlich, wenn völlig psychopathisch veranlagte machtgeile Vertreter unserer Spezies eben an die Schalthebel der Macht drängen. Unverständlich bleibt nur die Bereitschaft der Massen, diese Vertreter der Unmenschlichkeit, also genauer gesagt: den menschlichen, moralischen und emotionalen Bodensatz, den es wohl bei jeder Spezies des Kosmos geben wird, genau an diese Machtpositionen zu wählen.

Vielleicht ist es aber doch irgendwie verständlich. Die Marsianer kommen nicht. Obwohl ich kein Anhänger der Theorie des Todestriebs von Freud bin, könnte in politischer oder kosmischer Hinsicht doch ein wenig Wahrheit in dieser Annahme liegen. Denn ohne Marsianer ist die Menschheit bei der Selbstvernichtung wirklich ganz auf sich allein gestellt. Das kann ganz schön einsam wirken. Und wie wir wissen, führt ein beständiges Gefühl der Einsamkeit eben oft zu seltsamen und wohl auch ganz selbstzerstörerischen Handlungsweisen.

Sie sehen also: Die Attacke der Marsmenschen hätte uns, rein seelisch betrachtet, einfach wirklich gerettet.

In Anbetracht unseres sich nunmehr wieder an uns Schritt für Schritt anschleichenden selbstgestrickten Untergangs bleibt mir an dieser Stelle wieder einmal nur, meine übliche dringliche Anfrage an die österreichische Bundesregierung zu stellen: Wann, bitte, greifen wir endlich Afrika an?