Der Schamane zur Lage der Nation, Nummer 32

Plötzlich bekam ich wieder Post von oben. Nun ja, es war eher eine zeit- und raumübergreifende Stimme, welche mich mit einem Mal an etwas Wesentliches erinnern wollte.

Es war nicht Gott, der von oben herab zu mir sprach um mir Seine Gebote zu diktieren.

Es handelte sich aber bei diesem Phänomen auch weder um schamanische Visionen noch um durch Drogen oder andere Exzesse hervorgerufene Halluzinationen.

Vielmehr war es die laut dröhnende Stimme meiner in den Weltraum versetzten Tante Clara, welche sich mit einem Donnerschlag direkt neben mir äußerte.

Tante Clara hat sich im Übrigen, wie meine geschätzten Leser ja bereits wissen, selbst in den Weltraum versetzt, um der, wie sie sagt, rechtsextremen und faschistischen Verseuchung unseres Planeten, welche ihrer Meinung nach leicht auch auf das gesamte Sonnensystem übergreifen könnte, ein für allemal zu entgehen.
Seit sie uns jedoch von oben überwacht, mischt sich meine verehrte Tante immer wieder einmal in das politische Geschehen rund um mich mit forschen Ratschlägen ein, welche für mich weder leicht in die Tat umzusetzen noch einfach zu übergehen sind.

„Das Plakat von diesem Rechtsextremen, diesem Strache“, sagt sie gerade, „muss verändert werden. Da gehört eine zusätzliche große Plakette mit der Aufschrift: Hitler reloaded daraufgepickt. Damit die Leute wissen, was sie erwartet, wenn sie diesen Herrn wählen.“
Nun, das finde ich einfach ein bisschen stark übertrieben.
Ja, er ist schon rechtsextrem und betreibt mitsamt seinen „Spießgesellen“ eine menschenverachtende, rassistische und die Menschen gegeneinander aufhetzende Politik.

„Moment, Tante Clara, Du verwirrst mich.“

Der Begriff Spießgesellen stammt jetzt nicht von mir sondern von der Tante, die ihn mir durch kosmische Übersprechung in den Mund gelegt hat, und ich möchte diesen Begriff im Text sofort und auf der Stelle durch das Wort Gesinnungsgenossen ersetzen, was auch gleich viel unverfänglicher wirkt.

Es stimmt auch, dass der gewisse Anflug eines Schnurrbärtchens auf den hier angesprochenen Plakaten zu sehen ist.
Allein das aber rechtfertigt noch keinesfalls die Gleichsetzung mit den Nazis.
Die Wortspielereien mit Umvolkung und völkisch und der Vergleich von Menschen mit Kanalratten erinnern zwar von ihrer Art her schon an die Verursacher geschichtlicher Gräueltaten und erzeugen zugegebener Maßen auch augenblicklich Gänsehaut auf meinem ganzen Körper.
Doch offiziell distanziert sich dieser Mann genau wie seine Partei von Faschismus, Nationalsozialismus und, soweit ich weiß, sogar von seiner rechtsextremen Gesinnung.

Nein, rechtsextrem ist er nach eigener Aussage nicht, so nennen ihn nur andere hier und überall auf der Welt.

Dieser unangenehme Begriff Rechtsextremismus wird von ihm und seinen Gesinnungsgenossen durch das Wort Rechtspopulismus ersetzt, was wahrscheinlich soviel heißen soll wie dass das Rechtsextreme in letzter Zeit hierzulande vielleicht gar zu populär geworden ist.

Außerdem bedeutet der Vergleich von Menschen und Ratten ja nicht automatisch eine Aufforderung zur Ausrottung oder Schädlingsbekämpfung.
Es gibt auch ein paar Menschen, welche mehr oder weniger friedlich mit Ratten zusammen leben und diese sogar gern mögen.
Außerdem stammt diese Anspielung ja gar nicht von Herrn S. persönlich, sondern nur von einer Landesorganisation seiner Partei, welche dafür ja sogar gerügt wurde. Natürlich passieren solche Provokationen mit dem eigentlich nicht öffentlich Sagbaren, das damit durch die Hintertür der Frechheit und Unverfrorenheit doch irgendwie salonfähig gemacht werden soll, nicht zufällig sondern wohl mit bewusster Absicht.

Doch wir alle wissen ja noch nicht wirklich, was unsere Herren Rechtsextremen in diesem Land oder in Europa aufführen würden, wenn sie sich absolut an der Macht befänden.
Die reden ja vielleicht nur so rechtsextrem und meinen es dann gar nicht so schlimm mit uns, nicht wahr?

Obwohl es mich andererseits zuweilen ein wenig bedenklich stimmt, wenn der Innenminister eines demokratischen Landes große Schwierigkeiten mit der Menschenrechtskonvention hat.

Oder wenn die österreichischen Rechtsextremen sich mit den italienischen treffen, um eine gemeinsame europäische Allianz zu bilden.

In Italien ist hierfür ein Herr Salvini der Ansprechpartner der Wahl, jemand also, der sich darüber aufregt, dass er diejenigen seiner italienischen Mitbürger, welche der Minderheit der Roma angehören, eben dann nicht einfach des Landes verweisen kann, wenn sie schon die italienische Staatsbürgerschaft besitzen.

Das erinnert mich jetzt doch an gewisse Aspekte einer Weltanschauung, wie sie auch bei den Nazis üblich war. Natürlich nicht nur dort.

Das eigene Volk wird in solche Menschen eingeteilt, welche aus Gründen ethnischer Zugehörigkeit willkommen sind, und in solche, andere, aus ethnischen Gründen abzulehnende Menschen.

Aber lassen wir das.
Falls Sie diese Art von Leuten wirklich wählen sollten, finden Sie ja ohnehin schon allzu bald selbst heraus, wozu sie fähig sind und wozu nicht.

Trotzdem kann ich mich aus Gründen demokratischer Gesinnung und aus einem inneren Widerwillen gegen politische Gewalt heraus nicht dazu durchringen, jetzt zusätzliche Plaketten für die Plakate des Herrn Strache drucken zu lassen, um sie dann, in einer heimlichen Nachtaktion durch ganz Österreich tingelnd, Stück für Stück aufzukleben, ohne dabei auch nur ein einziges von Straches Plakaten auszulassen.
Von der übertriebenen und damit falschen Botschaft der Plaketten einmal ganz abgesehen.
Die Botschaft auf den Plakaten ist ja ebenfalls falsch, insofern würde es sich um eine Bekämpfung falscher Botschaft mit falscher Gegenbotschaft handeln. „Soweit so gut“, denke ich, „aber im Gegensatz zum Vorgehen der Rechtsextremen heiligt der Zweck für uns nie die Mittel“.

„Unsinn“, denke ich dann sogleich weiter, „bei den Rechtsextremen ist gar nichts heilig. Weder Zweck noch Mittel. Die sind unheilig durch und durch.“ Das stimmt zwar, hilft mir jetzt aber auch nicht weiter heraus aus meinem kosmischen Dilemma.

Zudem ist das Überkleben von Plakaten auch noch verboten und würde meiner Ansicht nach an und für sich von ziemlicher menschlicher und politischer Unreife zeugen, wäre da nicht auf der anderen Seite eben diese menschenverachtende kalte Unverfrorenheit, mit welcher diese Partei zu Werke geht.
Ich denke also, es wäre zwar ein für mich ganz verständlicher Akt mitfühlender Empörung, käme jemand auf die Idee, sich gegen diese Zeitgenossen auch mit solchen Mitteln zur Wehr zu setzen wie es beispielsweise meine gute Tante Clara tut, aber ich befürworte diesen Akt der Selbsthilfe trotzdem ganz und gar nicht.
Tante Clara tut es aber eben nicht selbst, sie versucht mich dazu anzustiften, es zu tun.

Ich weigere mich jedoch, ihrer Aufforderung Folge zu leisten.

Besser lasse ich sie das aber nicht gleich wissen.

Fassen wir zusammen: Mein Entschluss steht jedoch bereits fest. Ich werde es nicht tun, obwohl es vielleicht sogar menschlich verständlich wäre, es zu machen.
Gewalt führt bekanntlich nie zu Konfliktlösungen sondern eher zu unliebsamen Eskalationen aller Art. Klar ist: Das Ganze lasse ich also besser gleich einmal bleiben.

Allerdings sage ich das jetzt besser auch nicht allzu laut, weil Tante Clara leicht in einen mir eigentlich ganz unverständlichen Jähzorn verfallen kann.
Zumeist ist sie ja die Liebenswürdigkeit in Person, aber zuweilen packt sie der Ingrimm und dann kann sie schon recht ungemütlich werden.

Ich will meiner Tante deshalb nur sehr ungern widersprechen.
Zudem hat mich auch ihre kaum verhüllte Drohung mit einer durch ein spezielles Wurmloch in die Nähe unseres Sonnensystems verlagerten Supernova schon ein wenig beunruhigt.
Letztens erwähnte sie beiläufig mit genüsslich trällernder Stimme die faszinierenden Möglichkeiten, welche sich schon durch die galaxisweite Teleportation kleinster schwarzer Löcher ergäben.
Von weit oben und weit draußen ist es eben immer viel einfacher, etwas auf das weiter innen und unten Befindliche fallen zu lassen.

Das gibt mir jetzt schon zu denken.

Teleportation und schwarze Löcher sind ohnehin ganz schlechte Nachbarn in jeder Ankündigung, in welcher Sie oder ich auch nur in irgendeiner Weise als mögliches Zielobjekt vorkommen.

„Nun“, frage ich deshalb nur, „wie würdest Du denn unseren europäischen Spitzenkandidaten der Rechtsextremen mittels Zusatzplakette kennzeichnen?“

„Ich überlege noch“, sagt Tante Clara. „Vielleicht wären Menschenfeind oder Ausländerhasser die richtigen Worte für diesen…..“

Der darauf folgende Ausdruck entstammte einem mir unbekannten polnischen Dialekt und ich kann ihn jetzt aus Gründen redaktioneller Anständigkeit nicht wiedergeben, aber Tante Clara nahm sich, wie ich weiß, ja noch nie ein Blatt vor den Mund.

„Aber etwas gefällt mir zumindest“, sagt die Tante noch zum Schluss ihrer intergalaktischen Befehlsausgabe.
„Ich finde es wirklich gut, dass Du am Ende dieses Blogs immerzu eurer Regierung die gute Frage stellst, wann denn endlich das heldenhafte österreichische Bundesheer ausrücken soll, um die nichtsahnenden muslimischen Horden Nordafrikas einfach in Stücke zu reißen und eine gewaltige, nur von vielen einzelnen schrecklichen Anhaltelagern durchbrochene Einöde in der von unseren tapferen Soldaten wacker eroberten halb Nordafrika umfassenden Pufferzone zu errichten.“

Hier zum Drüberstreuen noch ein kleiner Anhang zu Rechtsextremismus und Fpö:

Der Politikwissenschaftler Anton Pelinka: „Es ist natürlich klar, dass die scharfe Ablehnung gegenüber Zuwanderung ein wesentliches Bindeglied zwischen den heute rechtsextremen Parteien in Europa ist.“ Und zu denen zählt Pelinka die FPÖ eben ganz klar dazu: „Rechtsextrem ist eine mehr oder weniger gut begründbare Wertung, genauso wie rechtspopulistisch. Ich meine nur, wenn man den Front National als rechtsextrem bezeichnet, dann ist es wohl auch berechtigt, die Freiheitliche Partei Österreichs als rechtsextrem zu bezeichnen.“

Österreich ist eben anders

Warum es nie üblich war, die FPÖ als rechtsextrem zu bezeichnen, erklärt Pelinka so: „Die Freiheitliche Partei war immer mit im Spiel. Und daher war es in Österreich nicht üblich aufzuzeigen, dass die Wurzeln der Freiheitlichen Partei eigentlich im österreichischen Nationalsozialismus liegen. Und insoferne ist die Freiheitliche Partei bezogen auf diese Verwurzelung viel mehr rechtsextrem als das der Front National ist.“

 

Quelle: Ö1, Mittagsjournal, 14.6.2014

 

 

zum Drüberstreuen (österreichisch umgangssprachlich: obendrein, als besondere Attraktion…)

 

Quelle: Duden