Die Sendung mit dem Hu(h)n(d), Klappe 13

Ja, wo waren wir nur gleich wieder stehengeblieben?

Ich meine, wir standen ja offensichtlich nicht genau an derselben Stelle, Sie und ich.

Ich zum Beispiel, um hier mit dem Offensichtlichen und Wahren zu beginnen, war gerade in ein interessantes philosophisches Gespräch mit meiner guten Freundin Smeralda vertieft.

Wir unterhielten uns in der ungemein schnellen und sehr komplexen Hühnergeheimsprache, die für Uneingeweihte und Nichts Ahnende Zweibeiner nur wie ein kurzes Gackern klingen mag, über durchaus Bedeutendes.

Smeralda hatte nämlich mit dem Gedanken gespielt, ihren Namen zu ändern.

Das mag Ihnen jetzt vielleicht nicht so bedeutend vorkommen, doch wir Hühnervögel vom Orden der heiligen Huhnanna wissen, dass solche scheinbaren Kleinigkeiten des Lebens auf einer ganz subtilen aber durchaus wirksamen Ebene, der Wirklichkeit, wie wir sie kennen, ziemlich zusetzen können.

Wenn sich Smeralda zum Beispiel unvorsichtiger Weise etwa in Zukunft gar Mathilda oder Kobhilde nennen würde, könnte das sofort direkt unvorhersehbare Auswirkungen auf das globale Wettergeschehen mit sich bringen oder im Verlauf diverser politischer Auseinandersetzungen zur Errichtung einer neuen chinesischen Mauer quer durch den amerkikanischen Kontinent führen, den Sie wahrscheinlich fälschlicher Weise als amerikanischen Kontinent bezeichnen.

Beides konnten wir leider schon aufgrund der unüberlegten Namensänderungen diverser Junghühner zweifelsfrei feststellen.

Doch die eigentlichen Auswirkungen einer solchen Namensänderung gehen ja noch weit über diese Ihnen vielleicht schon wohlvertrauten Ebenen der Wirklichkeit hinaus.

Selbst das plötzliche und spontane Eingreifen der für Sie höchstwahrscheinlich noch immer weitgehend unsichtbaren Dreibeiner ist ziemlich sicher nur auf die spontane Laune eines unvorsichtigen zeitgenössischen Huhnes zurückzuführen, das sich über die enormen Auswirkungen seines die Welt stark verändernden Beschlusses nicht ganz im Klaren gewesen sein dürfte.

Was aber darüber hinaus schon in historischen Hühnerzeiten an plötzlich auftretenden Verwerfungen in der Struktur der Realität vor sich gegangen sein dürfte, können Sie und ich uns wahrscheinlich nicht einmal mehr in unseren kühnsten Träumen vorstellen.

Das Eigentümliche an spontanen Welt- und Wirklichkeitsveränderungen ist ja unter anderem auch die Tatsache, dass direkt nach einem solchen Eingriff in die bisherige Form der Realität eine neue Gestalt der Wirklichkeit entsteht. Diese neue Gestalt wird dann im selben Augenblick von allen Beteiligten, also beispielsweise von Ihnen und mir, als immer schon vorhandener, einem kontinuierlichen Fluss von Ereignissen folgender Ablauf der Geschehnisse missinterpretiert.

Zwar gibt es hier, also in Bezug auf die Fähigkeit wirklichkeitsnaher Betrachtung der Welt, zum Glück einen ganz gewaltigen Unterschied zwischen uns stolzen Hühnern und einer in ihrer Wahrnehmung eher doch etwas kärglicher ausgestatteten Spezies wie der Ihren, doch selbst wir Hühner müssen außergewöhnliche Sinne und eine hochentwickelte Logik einsetzen, um auch nur ein ungefähres Bild von der ursprünglichen, also der vor einer gerade eingetretenen Wirklichkeitsverzerrung vorhandenen, Realität wieder zusammensetzen zu können.

Ihre und unsere Welt wurde also durch die Einwirkung meiner ansonsten ja so stolzen und in ihrer Bescheidenheit ganz und gar bewunderungswürdigen Rasse der Hühnervögel schon mehrfach völlig auf den Kopf gestellt, ohne dass Sie und die Wesen Ihrer Art dabei auch nur das Mindeste mitzureden gehabt hätten. 

Dieses Vorgehen meiner Artgenossinnen ist nebenbei gesagt auch der einzige Grund, warum ich mich Ihnen und Ihresgleichen hier so großzügig als Lehrerin für schamanische und hühnerische Wirklichkeiten anbiete, ja mich geradezu ungeniert an ihre doch recht seltsame Brust werfe.

Denn wenn Sie schon mehr oder weniger fast gar nichts dazu beitragen können, die Tore der Welt in ihren Angeln zu halten, wenn diese schon wieder durch unbedachte oder absichtlich herbeigeführte Namensänderungen von uns Hühnern aus ihrer Fassung gebracht werden, so sollten Sie, finde ich, zumindest die Gelegenheit erhalten, ein wenig von den Vorgängen wahrnehmen zu können, die Ihnen ja auch bisher immer wieder gar seltsame Kopfschmerzen bereiten dürften.

Gegen diese Kopfschmerzen ist im Übrigen kein Kraut gewachsen. Es handelt sich nämlich um sogenannte üble Realitätsverzerrungskopfschmerzen, also um einen durchaus normalen Vorgang der Anpassung an die Veränderungen der Realität, welche Sie zwar nicht bewusst wahrzunehmen imstande waren, die ihr biologisches Frühwarnsystem aber dennoch in eine gewisse Beunruhigung versetzen mussten.

Smeralda hat beschlossen, sich für die nächste jetzt bald anstehende Namensänderung noch ein wenig Zeit zu lassen.

Das gibt Ihnen und mir immerhin die Gelegenheit, uns noch etwas besser kennenzulernen, bevor wir uns vielleicht in einer Umgebung wiederfinden, in welcher ein sinnvoller Austausch zwischen so unterschiedlich gearteten Spezies wie der Ihren und der meinen gar nicht mehr möglich sein könnte.

Der Hund hat sich im Übrigen, wie von mir ganz klar vorhergesagt, nicht mehr aus seiner Hundehütte herausgewagt, seit er eine Zeitlang darin festsass. Jetzt bewacht er sie Tag und Nacht, damit ihm etwas derartiges nicht noch einmal passiert. Ich glaube, er wird nicht einmal auf das jetzt hier folgende recht provokante Bild einer auf seinem Zaun sitzenden grinsenden Katze reagieren, weil er mit seinem Wachdienst für die eigene Hütte noch viel zu beschäftigt ist. Sie werden schon sehen, der Hund rührt kein Ohrwaschl.