Die Sendung mit dem Hu(h)n(d), Klappe 25

„Deshalb vertage ich die Sitzung mit Ihrer nächsten Lektion in Sachen gesteigerter Aufmerksamkeit jetzt einfach aufs nächste Mal.“

Nun, sehen Sie, das nächste Mal ist gerade jetzt und heute. Allein das sagt ja schon, wie ich immer wieder ganz entzückt feststellen muss, jede Menge über die Zeit aus. Zeit lässt sich natürlich nicht beliebig vermengen, – und mit was auch? -, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber Zeit lässt sich seit neuestem in Hohlmaßen beschreiben und auch dementsprechend abfüllen. Ein Liter Zeit also in der Glasflasche, das entspricht ungefähr, ja lassen Sie mich nur kurz einmal nachschauen, einem Tag im Leben eines durchschnittlich wachsamen Erwachsenen Ihrer also der menschlichen Spezies. Für einen überdurchschnittlich wachsamen Erwachsenen beträgt die Zeitspanne 2,5 Tage, desgleichen vermehrt sie sich bei Wanderungen im Hochgebirge oder beim Radfahren in nicht allzu verbauter Umgebung, verkürzt sich aber stets um denselben Faktor in Ruhephasen am Meer.

Dies ist keinesfalls das Heldengrab eines edlen Huhnes sondern nur eine schamanische Installation zur Neutralisierung schädlicher Einflüsse von Hochspannungsleitungen in der näheren Umgebung schamanischer Zentren.

Letzteres ist auf das schnellere Vergehen der Zeit im Urlaub zurückzuführen und gilt nur für Berufstätige. Falls Sie also das unaufgeregte Leben eines Privatiers führen sollten, bleibt die Zeit am Meer immer gleich lang wird aber durch einen Faktor der Bedeutungslosigkeit beständig ein klein wenig entwertet. Für Kinder unter 9 Jahren beträgt dieselbe Zeitspanne durchschnittlich vier Wochen, wobei sie in den ersten Lebensjahren noch um einiges länger wirkt, dann aber allmählich dazu neigt, abzunehmen und sich wenige Jahre später dem Zeitverlauf des Erwachsenen zumindest weitgehend anzunähern. Für uns Hühner existiert diese Zeit nicht so wie für Sie und Ihresgleichen, wir sind eben einfach da und ganz dem Augenblick hingegeben, mit einem weichzeichnenden Stift auf das saftige Abbild des Lebens aufgetragen, Teil des Ganzen, welches wiederum Teil von uns selbst ist. Das kann ich Ihnen jetzt auch nicht näher erklären, weil Ihnen die hühnerlichen Grundlagen zum Verständnis wohl fehlen dürften. Machen Sie sich aber bitte nur nichts daraus, Sie können nämlich auch nichts dafür, oder, um es anders auszudrücken, Ihr Karma erlaubte Ihnen eben diesmal noch keine Inkarnation, in welcher Sie sich mehrwertiger Logik und intuitiven kosmischen Wissens bedienen könnten. Vielleicht klappt es ja, so unwahrscheinlich mir dies jetzt auch erscheinen mag, für Sie doch noch beim nächsten Versuch.

Privatier

Als Privatier, auch Privatus und weiblich Privata bzw. Privatière, gilt allgemein eine Person, die finanziell so gut gestellt ist, dass sie nicht darauf angewiesen ist, zur Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, unabhängig davon, wie sie zu dem Vermögen gekommen ist. Der Privatier bezieht keine Unterstützung vom Staat und bezahlt sämtliche Steuern und sonstige Abgaben selbst.

So können Sie es in einem seltsamen Text namens Wikipedia nachlesen.

Offenbar sprechen diese Leute von mir, Ihrem schamanischen Edelhuhn. Tatsächlich gehe ich keinerlei Erwerbstätigkeit nach, suche mir meine Würmer und Körner selbst aus dem Erdboden und vermag so allerlei, mein Vermögen steht hier zwar nicht zur Debatte, ist aber dennoch nahezu unbegrenzt, wenn ich einmal ganz bescheiden so sagen darf. Ich beziehe keine staatliche Unterstützung mit Ausnahme der gesetzlich vorgesehenen Hühnerrente, welche aber aufgrund ihrer politischen und gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit hier nicht weiter in Betracht kommt. Sämtliche Steuern und sonstige Abgaben bezahle ich selbst, selbst wenn derzeit und immerdar keinerlei derartigen Ausgaben für mich anfallen. Kurz gesagt: Ich bin ganz eindeutig Privatière laut oben stehender Definition. Das war ja wohl ohnehin von Anfang an klar.

Dieser kleine Einschub mitten hinein in meinen interessanten Text über Zeit und Länge derselben sollte Ihnen nur etwas Zeit geben, sich zu sammeln und die Zeitdauer, für welche Sie inzwischen schon imstande sind, Ihre gesteigerte Aufmerksamkeit aufrecht zu halten, noch einmal in aller Ruhe zu überprüfen. Falls Sie hierbei versagt haben sollten liegen die Konsequenzen jetzt naturgemäß ganz bei Ihnen selber. Selber schuld, wie ich immer sage, wenn ich mir ansehe, was sich so um mich herum zu ereignen pflegt. Das meiste davon ist ja wohl hausgemacht, und trotzdem nicht immer vorteilhaft, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wenn wir, Sie und ich, Aufmerksame und Unaufmerksame, Erwachsene und Kinder, alle in unterschiedlichen Zeithohlmaßräumen leben, ergibt sich daraus natürlich auch eine ganz und gar unterschiedliche Lebensweise und Lebensauffassung von uns allen. Sie wissen somit womöglich gar nicht, was Ihre Kinder tun, wenn Sie sich zum Beispiel nur kurz hinsetzen um morgens beim ersten Kaffee Zeitung zu lesen. Inzwischen ist für Ihren Nachwuchs wahrscheinlich bereits der frühe Nachmittag angebrochen und die Sonne hat schon den Zenit ihrer Bahn überschritten. Glücklicherweise gibt es immer wieder kurze Zeitpausen zwischen den verschiedenen Zeitbahnen der in unterschiedlichen Zeitabläufen lebenden Leute, sodass sich während dieser Pausen die Zeit wieder an sich selbst angleichen kann. Deshalb fällt Ihnen ja auch nicht wirklich auf, dass Ihre eigene Zeit nur eine unter vielen möglichen ist. Nur beim Radfahren, Wandern oder am Meer kommt Ihnen das bisweilen zu Bewusstsein, aber dann ist es eigentlich gerade immer viel zu spät, um mit diesem erweiterten Wissen noch irgendetwas anzufangen.