Die Sendung mit dem Hu(h)n(d), Klappe 7

Ach, wo genau waren wir denn letztens stehen geblieben?

Ach, ja, genau. Bei Smeralda. Oder vielmehr, bei der Frage der Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist der Schlüssel.

Achtsamkeit heißt zunächst, dass Sie aufhören, das zu tun, was Sie normaler Weise eben fast den ganzen Tag über als Ablenkung so zu treiben pflegen.

Starren Sie also nicht auf den Fernsehapparat oder aus dem Fenster, legen Sie Handy und Tablett zur Seite, drehen Sie die Musik ab oder nehmen Sie zumindest Ihre Ohrstöpsel aus den Ohren, unterlassen Sie Ihr doch ohnehin ziemlich unerträgliches hin und her Hüpfen durch die Küche, um dann endlich an den Kühlschrank zu gelangen.

Gehen Sie möglichst noch auf die Toilette, um nicht etwa gleich wieder einem sich dringlich meldenden Bedürfnis zu verfallen.

Haben Sie das Alles geschafft? Ja?

Wenn Sie nach den Anstrengungen dieser Vorbereitungshandlungen jetzt schon zu geschafft sein sollten, um sich der Achtsamkeit hinzugeben, müssen Sie das Alles ja vielleicht noch länger trainieren, bevor Sie die folgende recht fortgeschrittene schamanische Übung beginnen dürfen.

Im besten Fall aber sind Sie jetzt dazu bereit.

Die Übung läuft also folgendermaßen ab:

Blicken Sie unverwandt aber entspannt auf etwas Lebendiges vor Ihnen.
Denken Sie dabei aber bitte nicht an Nahrungsaufnahme.

Nicht Alles was lebt können Sie essen. Außerdem wäre das schon wieder die reinste Ablenkung von Ihrer eigentlichen Aufgabe.

Lassen Sie das Lebendige vor Ihnen zunächst einfach das tun, was es eben gerade so anstellt.

Halten Sie vorsichtshalber aber den nötigen Sicherheitsabstand ein, falls es sich um etwas Großes, Wildes, Gefährliches oder irgendwie Giftiges handeln sollte.

Ich habe ja vor einiger Zeit interessiert beobachten können, wie sich eine junge Frau mit großer fotografischer Begeisterung einer am Boden dahingleitenden Schlange näherte, um eine Nahaufnahme von derselben zu machen. Die Schlange war eine kleine und doch recht friedliche Kreuzotter, aber ich als kluges Huhn hätte trotzdem mein Gesicht nicht ganz so nah an den Kopf der Schlange herangeführt. Man weiß ja nie, was sich Schlangen denken. Die sind im Grunde völlig undurchsichtige Gestalten. Plötzlich richten sie sich auf und….naja, Sie können sich ja selbst vorstellen, was dann Alles so passieren kann.

Genau das sollten Sie aber jetzt eben nicht tun. Sie sollten momentan gar nicht an Schlangen und dergleichen denken, es sei denn, das von Ihnen ausgewählte Lebendige wäre zufällig eine solche. In letzterem Fall beherzigen Sie bitte meinen Hinweis bezüglich des Sicherheitsabstandes. Man kann ja, wie Sie jetzt wissen, nie genau wissen.

Ist es aber keine Schlange oder dergleichen, dann hätten Sie jetzt auch keine Ausrede, wenn Ihre Achtsamkeit sich etwa von dem lebendigen Objekt Ihrer Wahl abgewandt haben und statt dessen auf die sich nur fiktiv hier herumtreibende Schlange gefallen sein sollte.

Dann beginnen Sie die Übung am Besten von Neuem, diesmal aber bitte ohne Schlange.

Wie die Übung weitergeht, erfahren Sie wahrscheinlich im nächsten Teil meiner Sendung, allerdings nur, wenn mich der Hund nicht wieder stört. Der kann jegliche Achtsamkeit immerzu nur auf sich lenken, und das ist auch so ziemlich Alles, was er will.

So, hier ist er wieder. Das wird ihn beruhigen, und für mich ist es doch wirklich ganz egal, ob hier im Text das Bild des Hundes auftaucht. Nun ja, lieber wäre mir schon, es käme gar nicht vor. Aber ich bin dem Aushandeln kleinerer Kompromisse nicht abgeneigt, vor allem dann, wenn sie billig zu haben sind. Wir Hühner sind eben auch Realisten durch und durch.

Bleiben wir aber lieber noch kurz bei Ihrer Achtsamkeit.

Die Achtsamkeit ist also der Schlüssel.
Der Schlüssel wozu?, werden Sie jetzt wohl wieder fragen.
Aber genau das ist es ja, genau das ist eben Ihre Schwierigkeit. Sie sind viel zu ungeduldig, leider auch zu ungenau, einfach nicht achtsam genug.

Oder ist Ihnen etwa aufgefallen, wie ich bei meinen letzten Worten mein Körpergewicht ganz unauffällig nach links verlagert und Ihnen genau, als Sie gerade von meinen ja zugegebener Maßen ganz betörenden Worten ganz abgelenkt waren, Ihren Autoschlüssel mit einer schnellen und unmerklichen Bewegung meines Schnabels ganz kunstvoll aus der Tasche gezogen habe?

Feuer, schrie der Kobold dann. Doch Feuer war, was hier zerrann und Feuer war, was ihn erschuf. So tönt durch Feuers Klang sein Ruf. Er legt sich in dem Feuer nieder, und brennend steigt er danach wieder als Phönix-Kobold aus der Asche, den Schatz aus Lachen in der Tasche.

Das ist kein Taschenspielertrick. Vielmehr geht es hier um zweierlei:

Zum einen um die Wichtigkeit ungeteilter und über einen gewissen Zeitraum aufrecht erhaltener Achtsamkeit.

Zum anderen verhinderte der kluge Einsatz meines Schnabels gerade die Ihnen ja inzwischen schon weidlich bekannte Situation, dass Sie, weil Sie eben Ihre eigene Aufmerksamkeit noch nicht ausreichend kontrollieren, in ganz naher Zukunft ein kleines idyllisches Dorf durchfahren und sich aufgrund unglückseliger Umstände am durchaus vermeidbaren frühzeitigen Ableben der Katze Ihres Nachbarn zentral verantwortlich machen könnten, ohne dieselbe wenigstens durch lautes Hühnergekreisch rechtzeitig zur rettenden Flucht veranlasst zu haben.

Sie sehen also, ich erspare Ihnen gerade hier und jetzt so einiges an leicht vermeidbaren Unannehmlichkeiten.

Das war aber jetzt wirklich eher etwas ablenkend, finden Sie nicht auch?

Das nächste Mal unterhalten wir uns einfach gleich noch einmal viel fokussierter über die Aufmerksamkeit.
Dann kann Sie Ihnen tatsächlich nicht mehr so leicht entgehen.

Wenn Sie sich aber schließlich täglich und stündlich an Ihrer Aufmerksamkeit reifen sehen, sind Sie schon am besten Weg zum wahren schamanischen Dasein.

Dann fehlt Ihnen nur noch eine gewisse Zeit intensiver praktischer Übung, um wahrlich fortgeschrittene Stufen des Daseins zu erreichen.

Normalerweise gehen wir Hühnervögel dabei erfahrungsgemäß von etwa drei bis vier Jahrhunderten aufrichtigen und ununterbrochenen Bemühens um das Wesentliche aus….

….und schon sollte einer Existenz als schamanisches Huhn praktisch nichts mehr im Wege stehen.

Es ist eben, wie schon oben so klar gesagt, alles nur eine Frage guten Karmas.

Das Feuer brennt, das sich Verstand und Zaum verschließt. Ein ungebändigt´Pferd, dem nie der Sinn die Sporen gab, ein Stab, ein Los, aus dem der Geist sein Werk ausliest. Dies Pferd nennt sich selbst einen Löwen. Grad schlägt es zu, dann fasst es sich selbst an der Hand, dann wird es Dir sein Wissen geben. Doch Dir bleibt´s gänzlich unbekannt, weil Du aus Trug aus Schaum aus Tand, aus stockend Fließen schöpfst Dein Leben.

Das prachtvolle Beitragsbild ganz oben zeigt ein stolzes Huhn, das sich gerade in Pose wirft. 

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