RedHOTAction 12, zugleich leider auch Der Schamane zur Lage der Nation Nummer 25

Diesmal ist es wirklich geschehen. Wir unerschrockene Streiter und kulturelle Vorreiter von der ersten österreichischen schamanischen Redaktion konnten es nicht mehr verhindern. Auf einmal brach der Sturm mit ungehemmter Wucht über uns herein.

UND

Nein, wir reden nicht vom Wetter, obwohl es hier am Lande üblich ist, zuerst und vor allem davon zu sprechen.

Vielmehr war es die unserer Aufmerksamkeit weitgehend entkommene Göttin Tohu Wa Bohu, welche sich, sobald sie sich ihrer Fesseln des Alltags entledigt hatte, mit mächtigem Grinsen auf die Zeitung stürzte.

Ohne zu zögern vollbrachte sie hämisch grinsend ihr gräuliches Werk.

Zunächst mischte sie alle Karten neu.

Plötzlich wurde aus dem 25. November gar der 26., und die Redaktionssitzung verschwamm auf schwammig-sumpfige Weise gar ganz grässlich mit dem Beitrag des Schamanen zur Lage der Nation.

Wir versuchten noch in unserer kreischenden und sich die Haare raufenden Redaktionshorde, einen Ausweg aus der ausweglos scheinenden Situation zu finden. An dieser Stelle behaupten die Damen der Redaktion zwar steif und fest, dass es keinesfalls zu ihren Gepflogenheiten gehöre, zu kreischen oder sich gar die Haare zu raufen, letzteres käme schon aufgrund der allgemein gestiegenen Friseurkosten gar nicht in Frage. Wahrscheinlich war es also nur ich, der zum Kreischen und Sich die Haare raufen schritt. Das mag ja sein, ich empfinde jene Behauptungen an dieser Stelle aber trotzdem reichlich unsolidarisch.

Wie auch immer, Tohu schlug zu und konnte an ihrem Unterfangen nicht mehr gehindert werden.

Hätte ich nur einen superschlauen, wendigen und mit allen Wassern gewaschenen personal assistant an meiner Seite gehabt, wäre wohl Alles ganz anders und viel besser gelaufen. So aber ist es jetzt eben genau so wie es jetzt eben ist. Da kann ich gar nichts machen.

Zumindest ist es mir in letzter Minute gelungen, wenigstens Teile des Schamanen zur Lage der Nation aus der dichten Nebelsuppe des Redaktionsbeitrages zu lösen und als eigenen Beitrag ganz an den Schluss dieses Blogs zu stellen.

Trotzdem brauchen Sie jetzt etwas Geduld. Die Eisenbahner streiken wahrscheinlich heute, soviel war den Frühnachrichten zu entnehmen. Dem kommt in Bezug auf unsere Ansichten und Einsichten zwar jetzt nur eine ganz untergeordnete Bedeutung zu, aber nehmen Sie es jetzt ruhig als schamanisches Omen

Das Herz brauchen Sie im Übrigen nicht nur zum Schlagen, also dem Antreiben Ihres Blutkreislaufes und für die zugegebener Maßen doch recht wesentliche Sauerstoffversorgung Ihres sonst schnell dem Tode anheim fallenden Leibes, sondern ebenso für Ihr Menschsein.

Denn inzwischen setzt sich in unser Kultur offenbar wieder die Lust am Recht des Stärkeren durch, und es herrscht eine Art genüsslicher Begeisterung an der Frechheit vor, mit der die Rechte anderer Menschen in den Schlamm getreten werden. Irgendwie erinnert das an vergangene Zeiten, und zwar speziell an solche, denen dann mitunter weltweite Kriege zu folgen pflegten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass wir es immer häufiger mit demokratisch gewählten menschenverachtenden Politikern und Potentaten zu tun haben.

In Österreich sind über hundert iranische Flüchtlinge gestrandet, denen der menschenverachtende amerikanische Präsident Einreise und Wiedervereinigung mit ihren Familien verwehrt. Sie sind als Christen offenbar im Iran Verfolgung ausgesetzt. Bei diesen Menschen handelt es sich zum größten Teil um Akademiker und Intellektuelle, die sich hierzulande aber ohne Arbeitsgenehmigung nicht mehr selbst erhalten können. Genau an solchen Menschengruppen wird die Unmenschlichkeit der Populisten und Rechtsradikalen wirklich sichtbar. Weder akademische Bildung noch die Zugehörigkeit zur Mitte der Gesellschaft finden bei barbarisch eingefärbten Rechtsextremen Beachtung. Ganz im Gegenteil: Auch die Nazis ließen mit großer Vorliebe hochgebildete Juden entweder schwere körperliche oder völlig sinnlose Arbeiten verrichten, um sich als eingebildete Herrenrasse über die jüdischen Intellektuellen zu erheben und damit wohl auch eigene Minderwertigkeitskomplexe und Neid zu kompensieren, sowie einem tiefsitzenden Hass auf das allzu Zivilisierte zu folgen.

Der Barbarei ist ja im Allgemeinen die Zivilgesellschaft ein Dorn im Auge, sie ist nur ein lästiges Hindernis, das beseitigt werden muss, damit wieder ungehindert Gewalt, Verfolgungswahn und Fremdenfeindlichkeit in ursprünglichster Gestalt erblühen können.

Ach, ich bin wieder mitten im Schamanen zur Lage der Nation gelandet anstatt in der Redaktionssitzung zu bleiben. Wie soll ich das jemals auseinander klauben?

Das kommt eben davon, wenn wir versuchen, den 1. Dezember auf Ende November zu verlegen. So etwas kann nun mal nicht klappen. Das war doch wohl gleich vorauszusehen, nicht wahr? Ich habe es jedenfalls geahnt, konnte mich aber im Chor meiner inneren Stimmen nicht durchsetzen und verlor dadurch schließlich völlig die Kontrolle über diese wichtige Abstimmung. Das wird wahrscheinlich auch der englischen Premierministerin passieren. Trotzdem fühle ich mich in Gesellschaft dieser Dame nicht wirklich wohl, sie wirkt irgendwie im Gesicht ein bisschen sehr verkniffen auf mich. Allerdings ist sie mir immer noch lieber als der kühle, glatte, scheinbar über den Dingen stehende österreichische Bundeskanzler, dem ich jederzeit das Attribut der Unerträglichkeit zuordnen kann. Das bezieht sich natürlich auf seine Politik, menschlich würde ich mich da gar nicht einmischen beziehungsweise wäre das wohl eher eine Sache gelungener oder misslungener Selbstentwicklung, und die ist, solange sich Jemand nicht gerade als Politiker dazu aufrafft, die Gesellschaft nach seinen verbogenen Wertvorstellungen zurecht zu biegen oder eben zu Unrecht zu verbiegen, ganz und gar reine Privatsache jedes einzelnen Menschen. Offenbar sieht uns der Bundeskanzler im Verein mit seinem rechtsextremen Vizekanzler aber politisch in einer Art neuen Ostblock zuhause, eine Bewegung, welche uns direkt aus der Mitte Europas in seinen rechten fremdenfeindlichen und in der Panik vor allem Fremden erstarrenden Randbezirk abdrängt.

Ach ja, schon wieder bin ich der Versuchung verfallen, den Schamanen zur Lage der Nation vor Ihnen auszubreiten. Nicht dass dieser jetzt nicht schon fällig wäre, aber er hat sich, nur für die unbelehrbaren Querleser unter Ihnen, wie schon oben angedeutet, ohne Visum mitten in die Redaktionssitzung eingeschlichen und versucht jetzt mit allen Mitteln, diese zu dominieren.

Dabei hätte ich Ihnen doch nur allzu gern Wichtiges über die Zukunft dieser Zeitung mitzuteilen.

Schließlich ist sie jetzt fast schon ein ganzes Jahr alt.

Mit ist sie zwar inzwischen natürlich sehr ans Herz gewachsen, trotzdem muss sie sich wohl allmählich wieder verändern.

Denn wir Schamanen sind zu Anderem bestimmt, als unsere magische Zeit allzu üppig ins rein Virtuelle zu ergießen.

Deshalb habe ich beschlossen, die Zeitung ab Jänner etwas anders zu gestalten, und sie Monat für Monat als eigenes kleines Mythosschiff in die wild aufgewühlte See der Gesellschaft stechen zu lassen. An Bord jedes Monatsschiffes finden Sie dann schon Bekanntes wieder, doch die Zusammensetzung der Besatzung soll, wie die Welt im Ganzen, einem beständigen Wandel oder einer wandelnden Beständigkeit unterliegen.

Mehr kann ich Ihnen jetzt vor dem Stapellauf der neuen Flotte natürlich noch nicht verraten.

Ja wenn ich nur endlich einen personal assistant an meiner Seite hätte, könnte ich wahrscheinlich drei oder vier Boote gleichzeitig in See stechen lassen und es herrschte ein reges Treiben im Hafen des Nagual-Schamanismus. So aber wie die Dinge nun einmal liegen, müssen wir unseren Einsatz auf das Wesentliche abstimmen und alles, was sich sonst noch an Bord drängen will, mit steinerner Miene abweisen.

Das soll jetzt natürlich keine Anleitung zum Umgang mit Flüchtlingen sein, nein, ganz im Gegenteil, genau dort brauchen wir Großzügigkeit, Mut und Herz, um uns selbst und unser eigentliches Menschsein nicht zu verlieren.

Allerdings muss ich zugeben, dass mich meine Tante Clara leider ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken hier auf diesem rechtsextrem verseuchten Planeten zurückgelassen hat, mit der lapidaren Anweisung, gefälligst unerschrocken die Stellung zu halten. Das tue ich nunmehr, wie Sie ja leicht erkennen können.

Ich will Ihnen aber zum Schluss dieses sehr durchmischten Artikels zumindest noch ein persönliches Geheimnis verraten: Den Schamanen seines Vertrauens erkennt man ganz einfach am Geruch. Dieser Geruch ist wohlbekannt und dreimal durch das große F geprägt.
Er riecht nämlich beständig nach Feen, Freiheit und wilder Freude.