Stormy Monday, der Montagskater 28

„Eigentlich müsstest Du der Sprache mächtig sein und eine gewisse wenn auch vielleicht stark eingeschränkte Fähigkeit zu logischem Denken besitzen.“

Mit diesen Worten versetzte mich der Montagskater, welcher sich zudem noch ausgerechnet an einem der bisher völlig katerfreien Freitage bei mir gezeigt hatte, in hellste Aufregung.

Danach erzählte er mir, weshalb er mich diesmal besuchte und warum er es für notwendig hielt, mit mir sogar zu sprechen.

Doch jetzt, einige Tage später, erscheint mir der ganze Vorfall mehr und mehr wie ein Traum. Der Kater hat sich bisher nicht wieder gezeigt, entweder, um mich in Ruhe über seine Aussagen nachdenken zu lassen, oder aus irgendeinem für mich ganz unerfindlichem Grunde.

Heute, Montag, sollte er jedenfalls wieder erscheinen. Mit einwöchentlicher Verspätung zwar, aber die Riesenmontagskater nehmen, soweit ich darüber informiert bin, Zeit eher als ein nur ungefähr exakt ablaufendes und ganz stark von subjektiven Elementen beeinflusstes Medium wahr. Warten Sie einmal. Zeit als Medium. Woher kam das jetzt? Schleicht sich die Katze bereits in meine Gedanken ein? Ich hoffe doch nicht.

Zeit als Dimension unserer Erfahrung, hätte ich doch eher sagen wollen. Eine stark von subjektiven Elementen beeinflusste Dimension unserer Erfahrung. Das klingt schon besser. Ungefähr exakt aber bereitet mir jetzt gerade noch Schwierigkeiten. Entweder ein Ablauf ist ungefähr so oder so, dann ist er eben nicht exakt wahrgenommen worden, oder er findet exakt so oder so statt, jetzt sind es natürlich andere so-s als die im vorigen Teil des Satzes, und im zweiten Fall gibt es eine exakte Beschreibung davon, wie ein Ereignis abläuft. Natürlich können Sie jetzt auf die Unschärferelation oder andere Unwägbarkeiten der Schöpfung hinweisen, aber Beschreibungen sind ohnehin nur Modelle von etwas, das sich der Beschreibung entzieht, zumindest aus schamanischer Sicht, und insofern können wir die Unschärfe an dieser Stelle einfach als den Grad der Beschreibungsschärfe bezeichnen, welcher dem Beobachter dann exakt noch möglich ist. Exakt wandert also in die Metaebene und findet so seinen neuen Platz.

Oje, in der Verwirrung über die reale oder nur träumerisch erlebte Gestaltwerdung des Katers bei unserem letzten Treffen sind mir jetzt die Zügel der Gedanken durchgegangen.

Schamanisch ist, nebenbei bemerkt, ja ohnehin alles ganz anders. Das Subjektive und das Objektive verschwimmen zu einer nicht unterscheidbaren Wirklichkeit, welche ihre objektive Gestalt durch das konkrete subjektive Eingestimmt Sein auf sie erhält.

Gut, gut, ich werde jetzt zurückrudern und mich wieder in die einfachen Gefilde des Katererlebens begeben. Ich sehe schon ein, dass Sie sich ja vielleicht Montags nicht gern geistig anstrengen wollten. Mir geht es da grundsätzlich genau wie Ihnen, aber was soll ich tun, manchmal überfluten mich irgendwelche assoziative Gedankenketten, ich denke dann einfach so vor mich hin und wenn ich, wie gerade jetzt, dabei zufällig am Computer sitze, erscheinen diese nach einer nahezu unbewusst ablaufenden Tätigkeit meiner geübten Finger plötzlich als Wörter und Sätze direkt vor mir auf dem Bildschirm. Es ist mehr oder weniger ein Wunder, dass sie plötzlich da sind.

Dort wo hier Text steht, können Sie, wenn Sie wollen, gern einen Kommentar einfügen. Bitte fassen Sie sich aber kurz, die Katze hat nicht den ganzen Tag Zeit für Ihre Bemerkungen, und das gilt selbst dann, wenn diese zufällig einem Zustand spontaner Erleuchtungserfahrung Ihrerseits entspringen sollten.

Genau so verhält es sich mit dem Kater. Plötzlich war er da. Kein Ansatz eines Gespräches oder einer friedlichen Koexistenz. Als hätte er nie auch nur ein Wort mit mir gewechselt, tat er einfach das, was er eben normalerweise auch schon früher zu tun pflegte. Er fauchte mich, auf einmal dicht hinter mir stehend, heftig an, sodass mir, hätte ich gerade einen Apfel gegessen, der Bissen wie bei Schneewittchen vor Schreck sicher im Halse stecken geblieben wäre, und dann versetzte er mir einen leichten Schubs mit der Pfote, welcher mich durch mein ganzes Haus rollen, fallen und taumeln ließ. Ich weiß, dass sich Schneewittchen nicht aus Schreck am Apfel verschluckte, und ich kann auch im Übrigen keine weitere Verbindung zwischen Schamanen und Schneewittchen herstellen, außer der einen vielleicht, dass unser schamanisches Erleben der Welt immer wieder auf wunderbare Weise ins nahezu oder auch ins ganz märchenhafte hinübergleiten kann. Wahre Märchen sind es dann, wie sich von selbst versteht, Visionen des Wunderbaren in der Welt, das dicht vor oder neben oder, gerade nur durch einen dünnen Hauch des Vergessens von uns getrennt, hinter uns auf der Lauer liegt.

Nachdem ich mich nun vom Katerüberfall wieder so langsam zu erholen beginne, kann ich leider aber immer noch nicht wirklich klar feststellen, ob das Gespräch mit dem Katzenungetüm, welches mir inhaltlich noch ganz deutlich vor Augen steht, ein Traum oder gar pure Wirklichkeit war.

Schamanisch gesehen können Träume der Kraft oder das Träumen mit Kraft jederzeit Wirklichkeitscharakter aufweisen oder bekommen. Doch bei diesem Traum fehlt mir inzwischen jegliches Realitätsgefühl. Wahrscheinlich hat der Kater das Alles ganz absichtlich gemacht, das wäre ihm wohl oder übel zuzutrauen. Auf jeden Fall könnte ich ja das Gespräch mit ihm veröffentlichen und dann auf die Reaktion des Katers warten.

Ich werde Ihnen also vielleicht bei unserem nächsten Katertreffen mehr vom unheimlichen Gespräch zwischen Kater und Schamanen erzählen. Ja, das habe ich mir jetzt wirklich schon ganz fest vorgenommen, großes schamanisches Ehrenwort.