Stormy Monday, Montagskater 22

Ich stelle mir gerade folgendes schreckliches Szenario vor:

Auf meinem mit allen schamanischen Wassern gewaschenen magischen Lebkuchenhäuschen in Haag prangt eines Montag morgens ein Schild mit der Aufschrift….

Sie verstehen wohl augenblicklich, was ich meine. Denn es kommt, wie man weiß, eben nicht auf das Schild an, sondern nur auf die jeweilige Nachricht, welche Sie diesem dann entnehmen können.

Ein Schild mit der Aufschrift: Wegen Reichtums geschlossen, klingt für die meisten davon ganz direkt Betroffenen ja gar nicht so schlecht.

Natürlich wären das in diesem Fall vor allem ich und meine engste Familie. Schon bei den SchülerInnen und KlientInnen könnte die Begeisterung vielleicht ein wenig verblassen, wenn ihr Lieblingsschamane und liebster professioneller Selbsterfahrungsbegleiter sich anschicken sollte, mit einem Mal eine, nun ja, sagen wir mal, etwa ein- bis zweijährige Auszeit zu nehmen, um die Weiten des Universums noch etwas besser kennenzulernen. Immerhin denkt ein Schamane wie ich ja grundsätzlich nie ans Aufhören. Ich meine, die Tätigkeit, mit der ich meinen Broterwerb bestreite, ist ja ganz zufällig auch die Tätigkeit, zu der ich mich mit dem Spirit nach eher kurzen Verhandlungen als meine zukünftige Berufung geeinigt habe. Und die Berufung kann schließlich nicht so einfach zur Seite gelegt werden wie eine schnöde Broterwerbsbestreitungstätigkeit.

Doch dieses Schild: Derzeit wegen Reichtums geschlossen, werden Sie wohl in nächster Zeit noch nicht an meiner Türe vorfinden. Leider. Es sei denn, einige von Ihnen sprächen mit der Idee eher großzügiger Spenden für die kosmische und wildnisorientierte Weiterentwicklung Ihres Lieblingsschamanen bei mir vor. Aber ich kenne Sie genau: Auf diese Idee wären Sie nicht einmal im Schlaf gekommen, und im Wachzustand Ihres Bewusstseins schon gar nicht.

Deshalb machen Sie sich jetzt über das Schild mit dem Reichtum und der längeren Auszeit keine Sorgen. Ich hingegen pflege darüber bisweilen nachzusinnen, und ganz im Geheimen überlege ich mir ja schon, dass ein sehr gut ausgeruhter und umso besser gelaunter Schamane sicherlich schon auch von unschätzbarem Vorteil für das gesamte Weltgeschehen wäre.

Das Schild, oder genauer gesagt, die Aufschrift, welche mich zum Schaudern veranlasst, ist jedoch ein ganz anderes. Auf diesem stünde nämlich mit katzenhaft dahingekratzten Buchstaben in etwa folgende Nachricht:

Der Schamane der hier hauste ist seinem Montagskater schließlich erlegen und lebt jetzt nur noch zwischen Dienstag und Sonntag in seiner stattlichen Wohnstatt. Montags kommt er hingegen gar nicht mehr vor. Mit freundlichen Grüßen Ihr Montagskater.

Dies jedoch muss unbedingt verhindert werden. Und genau deshalb überlege ich mir wieder einmal, und zwar genau heute, wo es doch schon wieder soweit ist, dass ein Montag mit seinem dazugehörigen gar schrecklich und gräulich anzusehendem Katerungetüm ins Haus stünde, wie ich das Unheil wohl am Besten von mir abzuwehren vermöchte.

Obwohl, andererseits, ich heute ohnehin nicht wirklich in Gefahr bin.

Ich befinde mich nämlich schlauerweise gar nicht wirklich zu Hause.

Nein, vielmehr befinde ich mich auf einer ausgedehnten Weltreise zu schamanischen Studienzwecken, oder wäre vielmehr auf einer solchen anzutreffen, wenn mir nur die dafür notwendigen recht ausgiebigen Spenden zugeflossen wären. Da diese jedoch fehlen, habe ich mich anstatt dessen eben entschlossen, nur ein kleines schamanisches Retreat mit Fortgeschrittenen im schönen und früher wohl auch einsamen Mühlviertel abzuhalten. Das kann ja immerhin auch als erste Station der schon klammheimlich geplanten schamanischen Weltreise zu vorzüglichen Studienzwecken betrachtet werden, und es kostet eben auch nicht ganz so viel, vor allem deshalb, weil jegliche Ausgaben meinerseits unter Spesen aufscheinen.

Soweit so gut. Nur mit der Einsamkeit im Böhmerwald ist es nicht so weit her. Ununterbrochen treffe ich hier nämlich Menschen, und darüberhinaus auch noch gerade solche, welche ich aus meiner berühmten und sich bis zum heutigen Tage ausdehnenden Vergangenheit als Schamane und professioneller Selbsterfahrungsbegleiter schon kenne.

Ich darf Ihnen ja hier aufgrund einer menschenrechtswidrigen und sicherlich nicht mit unserer Verfassung in Einklang zu bringenden Richtlinie des Gesundheitsministeriums nicht verraten, ob ich in Wirklichkeit vielleicht auch Psychotherapeut wäre, weil Psychotherapeuten in Österreich seit einiger Zeit zu einer Art Persönlichkeitsspaltung gezwungen sind, aufgrund derer Sie sich selbst nicht mehr als solche bezeichnen dürfen, wenn sie etwa schamanische oder esoterische Inhalte in anderen Teilen ihrer Arbeit mit Menschen ausüben oder vertreten. Ich verrate Ihnen also nichts darüber, versprochen. Allerdings kann tatsächlich jeder, den es interessiert, ohnehin mithilfe der öffentlich zugänglichen Psychotherapeutenliste und eines Computers oder Smartphones in Sekunden feststellen, wer nun in Österreich Psychotherapeut ist und wer nicht.

Doch ich verrate nichts, und damit Sie gar nicht erst auf eine verräterische Spur bezüglich meiner etwaigen Ausbildungen oder Tätigkeiten geführt werden, habe ich das harmlose Wort Selbsterfahrungsbegleiter gewählt, das durch den Zusatz professionell ja ebenfalls in keiner Weise etwas über in Österreich streng geheim gehaltene berufliche Qualifizierungen einer Person aussagt.
Allerdings muss es für Psychotherapeuten, welche sich schamanisch betätigen, bisweilen schon ganz schön schwierig sein, ihren eigenen Werdegang kurzfristig zu vergessen und zu einer ganz anderen Person mit einem ganz anderen Werdegang zu mutieren.
Mich als professionellen Selbsterfahrungsbegleiter betrifft das ja gottseidank alles nicht.

Ach, ich habe mich von dem eigentlichen Katerthema jetzt wieder völlig ablenken lassen. Aber das macht nichts.
Wenn ich nicht in meinem Zentrum in Haag bin, erscheint er ja ohnehin nicht.
Also hab ich wohl mindestens zwei weitere Wochen Pause von ihm und seinen grimmigen Nachstellungen.

Da kann ich mir in der Zwischenzeit sicherlich etwas ganz und gar Ausgefallenes überlegen, um ihm damit dann endlich den Garaus zu machen.

Schamanen wie mich zeichnet ja vor allem eine schier unglaubliche Hartnäckigkeit in Bezug auf unsere persönlichen und magischen Vorhaben aus.

Ob es wohl allein schon helfen kann, wenn ich den Kater einfach für immer vergesse?

Nun, darüber will ich jetzt erst einmal kurz nachdenken…..