Stormy Monday, Montagskater 23

Ach, auch diesmal wird mir der Kater gar nichts anhaben können.

Es ist nämlich, soweit ich mich jetzt an den letzten Wetterbericht erinnere, darin für die nächsten Tage irgendein ganz spezielles Naturereignis angesagt worden. Entweder war es ein Hurrikan oder ein gewaltiger Schneesturm, aber vielleicht handelte es sich auch um die Warnung vor einem gigantischen Erdbeben, welches uns in Kürze ereilen sollte.

Sicherlich sind all diese Aussichten auf tief verschneite Hauseingänge, einstürzende Zwischenmauern, oder überflutete Keller in meinem Haus nicht wirklich erfreulich.
Aber zum einen ist das Haus, wenn ich mich jetzt recht erinnere, ja gar nicht unterkellert, deshalb könnte höchstens der Erdkeller unter dem Holzschuppen überflutet werden, und der trocknet früher oder später von selbst wieder aus.
Außerdem verfügt das Haus ohnehin über gar zu viele Zwischenmauern, und das über uns bald hereinbrechende Erdbeben könnte zumindest meine Zweifel beseitigen, welche davon jetzt eigentlich am besten abzutragen wären.
Zudem habe ich meine Schneeschaufel griffbereit vor mich hin gelegt, nur für den Fall, dass es sich bei dem künftigen natürlichen Großereignis tatsächlich um den heftigen Schneesturm handelte, welcher dann gerade vorhin schon im Äther angekündigt worden wäre.

Jedenfalls kommt irgendetwas auf uns hier zu, denn ich kann momentan wirklich kein Radiosignal mehr empfangen, und auch der Fernseher hat seinen Geist zwischenzeitlich aufgegeben.
Also bereite ich mich umsichtig und entschlossen, wie es eben einem Schamanen wie mir stets zu Eigen ist, auf alle Eventualitäten vor.

Allein vor dem am Montag plötzlich auftretenden schrecklichen Kater muss ich mich jetzt jedenfalls nicht fürchten.
Bei größeren Naturereignissen kommt er nämlich nicht, weil er es offenbar als für unter seiner Würde liegend erachtet, ein ohnehin schon durch die Schrecknisse einer wild um sich schlagenden Natur beeinträchtigtes Opfer widriger Umstände auch noch zu seiner Jagdbeute zu machen.
Ich glaube, es käme ihm einfach zu leicht vor, sich dann an mich anzuschleichen.
Es entbehrte schließlich ja auch jeder wirklichen Herausforderung für die gewaltige Schleichkatze.

In Wirklichkeit kann mir das Wetter ja insgesamt gar nicht allzu viel anhaben.
Erstens ist das Haus nämlich schon mindestens dreihundert Jahre alt und bisher noch nicht ein einziges Mal zusammengebrochen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es dies jetzt, also genau in den nächsten paar Jahren meines hier in ihm Lebens, tun sollte, ist wirklich nahezu unerheblich gering.

Es sei denn, die Naturgewalten wären gar zu heftig.

Aber auch für diesen Fall habe ich ja schon vorgesorgt.

Nein, nein, ich besitze keinen Schutzraum, Bunker oder Rückzugskeller.
Der einzige Ort, der dafür in Frage käme, würde ja, wie schon oben angedeutet, gleich als erster überflutet und fiele somit als sicherer Hafen für vom Unwetter heimgesuchte Schamanen gänzlich aus.

Aber wir Naturmagier haben eben einen ganz anderen praktischen Vorteil an der Hand, welcher uns die Launen der zugegebenermaßen zuweilen recht unberechenbaren Wildnis, welche unsere Wohnstätten zumindest teilweise umgibt, leichter ertragen lässt.

Das sind jetzt aber nicht etwa unsere stoische Ruhe oder unsere unerschütterliche Gleichmut gegenüber allen Naturereignissen solcher Art, welche das Innere eines Menschen stark aufzurütteln imstande wären.

Nein, vielmehr besteht unser Ausweg in der Möglichkeit, die Natur und ihre Geister um einen gnädigeren Umgang mit uns und unserem magisch schamanischem Zentrum zu ersuchen. Normalerweise erfüllt uns die gnädige Mutter Natur oder die Große Mutter aller Lebewesen und insbesondere aller wirklichen Schamanen auch gern solche Wünsche.
Und dann passiert zwar das Naturereignis häufig trotzdem wie angekündigt, das damit verbundene Unheil findet aber nicht statt sondern nimmt stattdessen eher den Charakter einer hilfreicher Unterstützung an.
Ich gebe Ihnen da gleich ein Beispiel aus der Praxis, welches ich selbst immer noch bestaune.

Direkt an meinem vor ein paar Jahren um das Grundstück herum aufgestellten Drahtzaun gab es eine ziemlich mächtige Birne, einen Birnbaum also, welcher aber aufgrund seines fortgeschrittenen Alters schon im Begriff war, umzustürzen.

Der Zaun, welchen ich zum einen für den Schutz meiner Hunde vor dem öffentlichen Verkehr und zum anderen für den Schutz des öffentlichen Verkehrs vor meinen Hunden errichten ließ, würde, soviel war klar, das direkte auf ihn Stürzen eines mächtigen Birnbaums nur schwer verkraften. Zugleich weigerte sich aber der baumliebende schamanische Geist in mir, den alten Birnbaum entfernen zu lassen.
Wie löste ich also diese ganze Affäre? Rein schamanisch, natürlich.

Ich wartete ab, bis der sanfte Windhauch der Natur, – nun ja, genauer gesagt war es eigentlich ja kein sanfter Windhauch, sondern eher ein ausgewachsener Sturm -, ich wartete also ab, bis dieser Sturm den Baum fällte.
Nun fiel dieser aber durch das Zutun meiner hilfreichen Naturkräfte genau so auf den Zaun, dass er diesen praktisch nicht beschädigte.
Zum Dank ließ ich einen circa zwei Meter hohen Teil des Stammes, der an Ort und Stelle verblieben war, einfach dort stehen, und entfernte nur den schon abgebrochenen Rest des Baumes.
Dieser wurde zu einem Totempfahl vor der Jurte umgestaltet.
Schließlich ereilte aber auch den restlichen Stamm sein natürliches Schicksal, und wieder fiel er genau in die richtige Richtung, und zwar diesmal in die jener Richtung, in welche der Großteil des Baumes ein oder zwei Jahre zuvor gefallen war, entgegengesetzte, und so ist der umgestürzte Rest des Baumstamms seitdem Teil einer meiner schamanischen Installationen geworden, in die er sich freundlicher Weise einfach nahtlos eingefügt hat.

Genau auf dieses Glück im scheinbaren Unglück verlasse ich mich also beständig.

Nur gut, dass der Kater das nicht weiß.